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Kultur – Geschichtenerzählen vom Steine zählen

Zen Steingarten Ryoan-ji Tempel Kyoto
Steine zählen im Ryoan-ji Tempel

Die Reiseführerin erzählte, dass sie ihren Programmierer-Job aufgegeben hatte, um als Reiseführerin zu arbeiten. Sie liebt Kultur. Deutsch hat sie beim Goetheinstitut gelernt. In Deutschland war sie noch nie, doch sie hat viel darüber gehört und gelesen. „In Deutschland holen sie Steine aus dem Garten. In Japan holen wir Steine in den Garten.“ So hatte sie uns auf den Besuch des Ryoan-ji-Tempels, der mir auch schon von anderer berufener Seite empfohlen worden war, vorbereitet. UNESCO-Weltkulturerbe, okay, das war ja nun schon fast Standard für die Sehenswürdigkeiten, die wir uns auf unserer neuntägigen Reise anschauten. Einen Steingarten würde ich also sehen. Auch nicht zum ersten Mal. Doch wie, wenn überhaupt, würde sich ein Steingarten in Kyoto von einem im Tannenhof bei München unterscheiden? Wäre es nicht zumindest ökologisch sinnvoller an so einer Stelle eins, zwei Bäume, Bambus oder zumindest etwas Rasen zu pflanzen?

Kultur für das Mindset

Ich sehe eine etwa 30 mal 10 Meter große Fläche, an zwei Seiten umgeben von einer circa zwei Meter hohen Mauer. Die Fläche ist weitgehend mit weißen Kieselsteinen gefüllt. Diese sind, so wie im Tannenhof, sorgfältig gerecht. Die fünf von Moos bewachsenen Flächen auf denen einige der insgesamt angeblich fünfzehn unterschiedlich großen Basaltbrocken stehen, wurden mit dem Rechen umzogen. Das typische Bild, nur in groß und schöner? Ist dieser Garten, da um das Jahr 1500 gestaltet, die Großmutter aller Zen-Steingärten? Kann ich mir nicht vorstellen, da Zen doch viel älter ist.

Die Story macht den Unterschied

Mir fällt auf, dass viele der anwesenden JapanerInnen, die auf der Steintreppe wie in einem gerade entworfenen Amphittheater sitzen, ihren Zeigefinger ausstrecken und konzentriert zählen. „In diesem Garten stehen 15 Basaltsteine, doch von keiner Perspektive aus sind alle 15 zu sehen“, sagt die Reiseführerin*. Natürlich beginnen wir auch gleich zu zählen. Ich komme auf 13, andere behaupten 14 sehen zu können.

Ja und natürlich ist das Ganze, wie bei jeder guten Geschichte und wie Sie das sicher wissen, metaphorisch zu verstehen: Nur die oder der Erleuchtete kann alle 15 Steine gleichzeitig sehen.

 

* Schon klar: Ich hätte die Reiseführerin fragen können, ob die 15 Steine mit einer Drohne nicht vielleicht doch sichtbar sein könnten. Wenn Sie diese Frage nun wirklich gar nicht loslässt und meditieren nicht hilft: Hinfahren und ausprobieren.